Startseite
  Programm
  Veranstaltungsort
  Veranstalter/Kontakt
  Impressum
  Zur Seite der
  Akademie
  Konferenzbericht

    


"Staatlichkeit und Staatswerdung in Spätantike und Früher Neuzeit"
Konferenz an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

3. bis 5. April 2008

Die Entwicklung der Staatlichkeit und Staatsgewalt in den europäischen Staaten der Vormoderne ist seit einigen Jahren ein wichtiger Gegenstand der historischen Forschung. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei das Bemühen, Verlaufsformen und Muster in der strukturellen Entwicklung der europäischen Staaten zu beschreiben, diese in Beziehung zu der beständigen Ausweitung des hoheitlichen Regelungsanspruchs zu setzen und die Bedingungen und Ursachen dieses Prozesses zu analysieren. Ziel dabei ist es, die Genese der hochentwickelten, in alle Lebensbereiche vorgedrungenen Staatsgebilde der Moderne zu erklären. Der Betrachtungszeitraum umfaßt den Staatswerdungsprozeß in Europa seit dem späten Mittelalter, wobei ein besonderer Fokus auf der Frühen Neuzeit als derjenigen Epoche liegt, in der die einschlägigen Entwicklungen eine rapide Beschleunigung erfuhren.

In der Regel unbeachtet bleibt in diesem Zusammenhang, daß sich ein vergleichbarer Prozeß schon einmal früher in der europäischen Geschichte vollzog. Über mehrere Jahrhunderte hinweg durchlief das politische System der römischen Kaiserzeit eine ganz ähnliche Entwicklung: Auch hier läßt sich eine graduelle Ausweitung der hoheitlichen Regelungsansprüche feststellen, und auch hier ging dieser Prozeß mit einem beständigen Ausbau der Staatsgewalt einher. Die Epoche, in der diese Entwicklung besonders eindrücklich greifbar wird, ist die Spätantike. Damals entstand ein politisches Gebilde, dessen Zentralisierungsgrad und Komplexität in der Antike ihresgleichen suchen und das in mancherlei Hinsicht frappierende Parallelen zu den entstehenden Verwaltungsstaaten der Vormoderne aufweist.

Bislang ist kaum je, weder aus alt- noch aus neuhistorischer Perspektive, ein eingehender Vergleich dieser beiden für die Analyse von Staatswerdungsprozessen exemplarischen Epochen unternommen worden. In diese Lücke will die Tagung vorstoßen, indem sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede der strukturellen Veränderungen, ihre Bedingungen und ihre Ursachen im epochenübergreifenden Vergleich diskutiert. Die Betrachtung einzelner Aspekte und Probleme soll es dabei ermöglichen, Muster der Staatswerdungsprozesse zu erarbeiten oder gegebenenfalls bestehende Modelle zu modifizieren.

Die Tagung behandelt diese Fragestellung anhand von vier Themenschwerpunkten. Eine erste Sektion untersucht die in beiden Epochen erheblich beschleunigte Entstehung einer starken staatlichen Zentralgewalt auf Kosten regional beschränkter politischer Ordnungsmächte und wird den Schwerpunkt dabei auf die Analyse der die für die genannte Entwicklung konstitutiven Aushandlungsprozesse zwischen beiden Seiten legen. Die zweite Sektion behandelt die institutionelle Entwicklung der Staaten, wobei zum einen den Ursachen für die Entstehung und das Wachstum der immer komplexeren Staatsapparate beider Epochen nachgegangen werden soll, zum anderen die Frage nach den funktionalen Prinzipien der spätantiken und frühneuzeitlichen Verwaltungen gestellt werden wird: In welchem Umfang beispielsweise trifft die These vom „Rationalisierungsprozeß“ der Verwaltungen zu, und wo und unter welchen Bedingungen konnten nicht-rationale oder personale Elemente fortleben? Eine 3. Sektion richtet den Blick auf ein für beide Epochen kennzeichnendes Merkmal, die zentrale Rolle der Religion bzw. Konfession: Hier wird unter anderem nach Gründen zu suchen sein, weshalb die Staatswesen der Spätantike und Frühen Neuzeit in zuvor jeweils ungekannter Weise Einfluß auf die religiöse Sphäre nahmen, und die Wechselwirkung dieser Entwicklung mit der Evolution der Staatlichkeit diskutiert werden. Die Formierung der Gesellschaften durch den Staat schließlich untersucht Sektion 4; Beispiele werden die Entstehung neuer funktionaler Eliten sowie das Rückgrat der agrarischen Gesellschaften der Vormoderne, die Bevölkerung des ländlichen Raumes, sein.